Geschichten gute Nachbarschaft 1- 8

Geschichte Nr. 1 – Frau P. lebt schon lange allein
Die alte Dame ist stolz, dass sie mit über 80 Jahren noch selbständig in ihrer Wohnung leben kann, sie sieht immer gepflegt aus. Frau P. wohnt in der Parallelstraße, ich kann sie sehen, wenn sie auf ihrem Balkon Wäsche aufhängt oder wenn sie ihre Fenster putzt. Noch macht sie so viel sie kann selbstständig, sie möchte ihrer Tochter so wenig wie möglich zur Last fallen. Das Alter von Frau P. verläuft also den Umständen entsprechend gut. Und dank guter Nachbarschaft ist das auch so – zumindest in den Monaten, in denen man den Balkon nutzen kann. Dann hat Frau P. das Glück, dass ihre Nachbarn, das Ehepaar T., sich auf dem angrenzenden Balkon aufhalten und jederzeit bereit sind für ein Gespräch. Sie kennen die Freuden von Frau P., aber auch die Sorgen und Nöte, die kleinen und großen Beschwerden des Alters. Sie fragen nach, sie trösten, und gelegentlich gibt es eine Einladung zu Kaffee und Kuchen. Nicht der Rede wert, meinen Sie? Vom Balkon gegenüber höre ich, wie die Stimmung von Frau P. steigt, wie froh sie ist, mit jemandem zu sprechen. Auch ich rufe ihr über die Entfernung von zwei Hinterhöfen gelegentlich ein paar freundliche Worte zu, aber ein spontanes Gespräch ist nicht möglich – viele Bewohner in ihrer und in unserer Straße müssten zwangsläufig mithören. Deshalb gilt meine Bewunderung dem Ehepaar T, das nicht müde wird, zuzuhören und etwas Licht in die Einsamkeit einer alten Dame zu bringen. Haben Sie auch Nachbarn, die allein leben? Es ist nicht schwer, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wahrgenommen werden. Und dieses Gefühl brauchen wir schließlich alle.

Geschichte Nr. 2 – Die Leihenkelinnen
Die Kinder waren längst aus dem Haus, wir Eltern genossen die neue Freiheit. Und doch fehlte etwas. Trafen wir uns mit Freunden, wurden Fotos herumgezeigt von süßen Enkelkindern, aber wir hatten (damals) diesbezüglich nichts zu bieten. Da zog eine junge Familie ins Nachbarhaus mit einem kleinen Mädchen, das schon bald schüchtern am Zaun stand und fragte „Darf ich ´rüberkommen?“ Natürlich durfte sie. Unser Bedürfnis nach Oma-Opa-Rolle fand plötzlich eine dankbare Empfängerin: Geschichten erzählen, Vorlesen, Kasperltheater spielen, Malen, zusammen kochen und backen – unser Nachbarskind machte alles begeistert mit. Wir waren glücklich und konnten die berufstätigen Eltern gelegentlich entlasten. Vor allem dann, als ein zweites, ebenso goldiges Mädchen geboren wurde. In jener Nacht schlief die „große“ Schwester auf einer Matratze neben meinem Bett, ich durfte beim Einschlafen ihre Hand halten. Schon bald galt es, ein Programm für zwei Mädchen unterschiedlichen Alters anzubieten. Das war eine Herausforderung an unsere Phantasie und hat allen Beteiligten viel Spaß gemacht. Als ich mir einmal den Knöchel verrenkt hatte, gingen sie unaufgefordert für mich einkaufen. Genauso selbstverständlich überraschen uns die zwei begabten Musikantinnen mit Geburtstagsständchen. Inzwischen besuchen die beiden Schwestern das Gymnasium, aber noch immer laden sie uns zu den Geburtstagen ein. Und ab und zu klingelt das Telefon: „Darf ich ´rüberkommen?“

Geschichte Nr. 3 – Nachruf auf gute Nachbarn
Wir waren eine junge Familie mit drei kleinen Kindern, als wir in ein hübsches Haus mit Garten im Bamberger Umland einzogen, nachdem die Eigentümer mit ihren drei schon etwas größeren Kindern in ein geräumigeres Haus umgezogen waren. In der anderen Doppelhaushälfte wohnten die Eltern der Besitzer. Für uns hätte die Konstellation nicht günstiger sein können. Die „verlassenen“ Großeltern übertrugen ihre jahrelang praktizierte Fürsorge für die Enkelkinder ganz schnell auf unsere Kinder. Über die Verbindungstür zwischen den beiden Häusern, die meistens offen war, marschierten unsere beiden „Großen“ gern zum zweiten Frühstück nach nebenan, sie „halfen“ beim Kuchenbacken und bei der Gartenarbeit. Kam überraschend ein Regen, und ich war nicht zuhause, fand ich die Wäsche von der Leine abgenommen und sorgfältig gefaltet vor. Wir Eltern konnten abends unbesorgt ausgehen – die Babysitter waren immer da. Unser gut nachbarschaftliches Verhältnis war aber keine Einbahnstraße. Das alte Paar genoss die Gesellschaft junger Menschen und freute sich, wenn sie bei einer unserer Einladungen dabei sein konnten. Gern erinnere ich mich an gemeinsames Singen im Garten. Die Nachbarn hatten kein Auto – ganz klar, dass wir sie zu Einkaufstouren und manchen Ausflügen mitnahmen. Kurz: Die gegenseitige Unterstützung entwickelte sich ganz selbstverständlich, ohne dass die Privatsphäre missachtet wurde. Dabei habe ich viel gelernt. Frau Sch. pflegte zu sagen: „Wir Alten müssen die Jungen unterstützen“. Inzwischen gehöre ich selbst zu den Alten und hoffe, Frau Sch. ist zufrieden, wenn sie aus dem Himmel (wo sie meines Erachtens ganz bestimmt gelandet ist) herunterschaut.

Geschichte Nr. 4 – „Please, komm mit mir, ja?“
Ja, das ist so ein Thema. Ich habe die letzten 35 Jahre nur in Mietwohnungen gelebt und mit Nachbarn sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
In München in einem Hochhaus gab es nur Einzimmer-Appartements, die Leute gingen früh aus dem Haus, kamen abends von der Arbeit zurück. Als ich dort einzog, wollte ich mich bei den unmittelbaren Nachbarn vorstellen, traf aber nie jemanden an. Da es neun Stockwerke gab, traf ich ab und zu jemanden im Aufzug, aber die Leute schauten mich komisch an, wenn ich beim Einsteigen „Guten Morgen“ oder „Grüß Gott“ sagte, sie stiegen schweigend ein und verließen genau so stumm den Aufzug. Ich merkte sehr schnell, dass es nicht üblich war, zu grüßen,  die Menschen wollten wohl am liebsten anonym blieben.

Zum Wäschewaschen gab es Trockner und Waschmaschinen im Keller, die passenden Münzen dazu musste man sich beim Hausmeister holen. In jedem Raum hing ein Plan, in den musste man sich eintragen, wann man waschen wollte. Ich hatte jedes Mal Angst, in den Keller zu gehen, denn da unten war es wie in einem Labyrinth, man musste durch endlose Gänge mit Holzverschlägen gehen, bis die Waschräume kamen.
Eines Abends klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich machte auf und vor mir stand eine grell geschminkte und schrill gekleidete junge Frau, so um die 30, später erfuhr ich, dass sie aus USA kam und Opernsängerin war.
„Hey, kannst du mir helfen? I am so scared to go in die Keller, please komm mit mir, ja?“ Ich lachte und sagte: “Das ist ja super, ich fürchte mich auch immer, ab jetzt können wir gemeinsam in den Keller gehen, okay?“ „Wonderful, danke schön, jetzt muss ich nicht mehr Angst haben!“
Ganz anders erging es mir in Bamberg. Als ich 2004 in die Stadt zog, war ich sehr froh, eine Wohnung in einem Haus mit zehn Parteien gefunden zu haben. Ich war und bin die Älteste im Haus. Es gibt junge Familien, Studenten WGs und Singles.
Hier klappte es mit dem Vorstellen. Anscheinend waren alle im Haus erstaunt, als ich im Eingang einen Zettel aufhing, in dem ich bat, evtl. Lärmbelästigungen zu entschuldigen, die durch Handwerker und durch den Umzug entstehen könnten. „Falls ich jemandem helfen kann, könnt ihr gerne bei mir klingeln.“ Das war der letzte Satz bei diesem Aushang.

Nachdem ich eingezogen war, kam abends ein junger Mann und fragte: „Hast du etwas Öl für uns, wir wollen was braten, aber ich habe vergessen, einzukaufen.“ „Klar, hab ich.“
Ein paar Tage später fehlten meiner Nachbarin zwei Eier zum Kuchen, als nächstes kam ein Student und fragte: „Hast du so ein Ding, mit dem man Kartoffeln zerstampfen kann?“ Auch so ein Ding hatte ich.
Ein paar Jahre später, als ich eine neue Hüfte bekam, wurde mir viel geholfen, denn es ist schwierig mit zwei Krücken und Einkäufen dreieinhalb Stockwerke hoch zu klettern ohne Aufzug.
Als Dankeschön habe ich dann öfters einen Kuchen gebacken und immer dankbare Abnehmer gefunden. Bei uns herrscht eine freundliche Atmosphäre im Haus, ich nehme Pakete an, wenn jemand mal nicht da ist, umgekehrt funktioniert das aber auch. Ich hoffe, dass ich noch recht lange in diesem Haus wohnen bleiben kann.

Geschichte Nr. 5 – Vollkommen genesen
Zum Thema „Gute Nachbarschaft“ habe ich eine Geschichte zu erzählen, die sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft im letzten Jahr zugetragen hat. Eine ältere Nachbarin (über 70) wurde in unserer Straße auf ihrem Fahrrad von einem Auto erfasst und brach sich das Knie. Sofort nach dem Unfall waren natürlich Nachbarn zur Stelle, die sie mit Eisbeuteln versorgten, zum Arzt brachten und sich um das Fahrrad kümmerten. Die Diagnose lautete: aufgrund der Vorerkrankung des Knies ist dieses nicht mehr zu retten, ein künstliches Kniegelenk muss her. Wegen einer Metallunverträglichkeit wurde dieser Gedanke wieder verworfen und nun doch auf einen konservativen, sehr langfristigen Heilungsprozess gesetzt. Da der Sohn der Nachbarin in München wohnt und beruflich so eingebunden ist, dass er nicht häufig hier sein konnte, haben sich einige Nachbarfamilien zusammengetan und die Versorgung der Patientin über Monate übernommen. Es gab eine Rufbereitschaft, jeder hat bei seinem Essen reihum eine Portion mehr gekocht und zur Nachbarin gebracht. Vom Kuchen wurde ein Stück abgegeben, aus dem geliebten Garten, der nicht mehr aufgesucht werden konnte, wurde ein schöner Blumenstrauß gepflückt, es wurden die Einkäufe erledigt und viele Male einfach nur geredet. Zusätzlich zur professionell organisierten aber zeitlich sehr eingeschränkten Haushaltshilfe, die in erster Linie das Putzen und Waschen übernommen hat, wurde so ein Netz aus Fürsorge, Versorgung und so viel Liebe gewoben, dass das Knie inzwischen (trotz aller ärztlicher Bedenken) vollkommen genesen ist.
Unsere Nachbarin ist inzwischen überzeugt, dass ihr ohne ihre Nachbarschaft möglicherweise ein Umzug in ein Pflegeheim gedroht hätte, aus dem sie vielleicht nicht mehr herausgekommen wäre. Jetzt werkelt sie wieder in Haus und Garten, fährt in Urlaub und führt ihr übliches, selbständiges, fröhliches Leben.
Persönlich war für mich die Zeit der Unterstützung meiner Nachbarin eine großartige Gelegenheit, mich für viele (unentgeltliche) Einsätze von ihr als Babysitterin, Gartengießerin, Haushüterin während Urlauben, Beraterin in Gartenfragen etc. erkenntlich zu zeigen.

Geschichte Nr. 6 – Das Heinzelmännchen
Vor einigen Jahren kamen mein Mann und ich aus dem Urlaub nach Hause. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die Vorgartentüre öffnete und der Weg vor mir nur so vor Sauberkeit glänzte. Das konnte gar nicht unser Haus sein, hatte ich mich mit dem Eingang vertan? Nein, ich hatte mich nicht vertan. Mein Nachbar wollte uns eine Freude machen und hatte den ganzen Weg im Vorgarten mit der Wasserstrahlpumpe gesäubert. Einfach wunderbar.
Neulich war ich wieder für einige Tage verreist. Dem Nachbarn, der das Haus hütete, hatte ich vergessen zu sagen, dass das hintere Gartentürchen erneuert wird. Es hing nur noch ganz lose in den Angeln. Seine Frau wollte nach einem glühendheißten Tag den Garten gießen und hatte, oh Schreck, das wackelige Türchen in der Hand. Im Schweiße seines Angesichts reparierte es der Nachbar. Als ich wieder zurück war, staunte ich sehr über die gut funktionierende Tür. Waren Heinzelmännchen am Werk? Wieder hatte mein Nachbar die wirklich diffizile Arbeit übernommen und wollte kein Geld für die Reparatur annehmen. Nur die Materialkosten hat er angenommen. Ich bin dankbar unsere gute Nachbarschaft.
Noch etwas fällt mir ein. Es hatte die ganze Nacht geregnet und hörte auch nicht in den Morgenstunden auf. Als ich vor dem Frühstück den FT holen wollte, steckte die Zeitung schon am Haustürgriff und ich musste nicht bis zum Garteneingang laufen. Ich war ganz gerührt. Der Zeitungsbote hatte trotz seiner morgendlichen Rennerei „Herz“ gezeigt.
Meiner anderen Nachbarin hatte ich ein paar von den letzten Äpfeln in diesem Jahr gegeben. Nachmittags stand sie vor meiner Tür mit einem kleinen Apfelkuchen. Er schmeckte wunderbar.

Geschichte Nr. 7 – Harmonie
Ich war beim letzten Seniorenausflug in Schwabtal dabei. Jahrelang las ich diese Veranstaltung für Senioren der Stadt Bamberg im FT. Zurückhaltend traute ich mich nicht, daran teilzunehmen. „Ob man mich dort annimmt? Sitze ich eventuell alleine an einem Tisch?“ Es war ein schöner Tag, ich wurde aufgenommen. Es wurden lustige Postkarten verteilt, auf denen man etwas über „Gute Nachbarschaft“ berichten soll. Und jetzt zur guten Nachbarschaft.
Grade oben erwähnte ich, dass ich stets vorsichtig bin aus der Lebenserfahrung. Ich komme deshalb gut alleine zurecht, obwohl dies nicht einfach ist.
Vor circa zwölf Jahre kaufte ich mir von der Stadtbau meine Eigentumswohnung. Ich komme aus dem Landkreis Kronach, wir waren selbstständig und somit stets freundlich und Kundenpflege (Papiergroßhandlung) war selbstverständlich. In Bamberg alleine, Kinder wohnen durch ihre Berufe in anderen Städten, prallte ich trotz meines für mich guten Charakters öfters auf Egoisten.
Nun wohnen in diesem Gebäude insgesamt acht Eigentümer. Im Treppenhaus war nicht mal ein „Guten Morgen“ zu hören, wenn einem „Jemand“ begegnete. So stellte ich mich vor und meinte, dass wir Nachbarn sind und wir müssen zusammenhalten. Ich könnte bei Abwesenheit die Blumen gießen, Päckchen entgegennehmen, kurze spontane Gespräche, helfen im Krankheitsfall, kurzfristige Leihgaben usw. Mein Slogan ist auch heute noch „Wollen wir doch friedlich in einem Haus zusammenleben, auch wenn ein Nachbar mal andrer Meinung ist.“ Es sind ja eh nur unwichtige Dinge, die man zu hören bekommt. So zog nun auch mal eine Raucherin ein über mir. Oh Gott, im Sommer hatte ich den Gestank sogar in der Wohnung, wenn Türen bzw. Fenster offen standen. Ich begegnete dieser Dame im Treppenhaus und klagte über diesen Zustand und wir redeten dann darüber. Ich rieche eigentlich lange Zeit gar nichts mehr und bedankte mich bei der nächsten Eigentümerversammlung mit einem Umarmen. Es kommt also nicht von alleine, selbst muss jeder etwas dazu tun. Ich halte mich bei Diskussionen stets zurück und möchte die einseitige Meinung des anderen durch andere Vorschläge auflockern und man soll immer „Erst einmal drüber schlafen als loszubrausen.“
Ich hoffe sehr, dass diese Harmonie im Haus bleibt und helfe dabei.

Geschichte Nr. 8 – Oma Schneemann
Es war 1946, Nachkriegszeit, mein Vater kam aus Gefangenschaft zu uns nach Bamberg, er war schwer krank. Als Berufsoffizier erhielt er nach dem verlorenen Krieg kein Geld und so beschlossen die Eltern, mit mir und meinem kleinen Bruder nach Weilburg an der Lahn zu ziehen. Dort hatten die Großeltern ein Möbelgeschäft und ein großes Haus, in dem eine ganze Wohnung für uns bereit stand.
Es war nur ein Jahr, in dem ich den Vater, den ich ja kaum kannte, erleben durfte, Ende 1947 starb er und ließ seine Frau mit drei Kindern zurück. Ich war damals sechs Jahre alt, mein Bruder drei und die kleine Schwester gerade sechs Wochen alt. Es war eine schlimme Zeit für die Mutter, sie wollte nicht mehr in Weilburg bleiben, wollte zurück ins Frankenland, wo sie Freunde hatte und wo sie sich wohlgefühlt hatte. Das war nicht so einfach, dort eine Wohnung zu bekommen und so war sie sehr froh, als Bekannte von einer Familie erzählten, die in Weilburg eine Wohnung suchten. Sie wohnten in Schloss Banz und waren bereit, die Wohnung mit uns zu tauschen, doch es gab eine Bedingung. Sie hatten sechs Kinder und eine Oma, diese Oma wollten sie nicht mitnehmen, die sollte in Schloss Banz bleiben.

Meine Mutter überlegte nicht lange und ging auf den Handel ein – Wohnung mit Oma Schneemann, aber dafür im Schloss. Die Mauern waren sehr dick, dadurch war es im Sommer schön kühl und im Winter warm in den Zimmern. Es gab einen breiten Gang mit Sandsteinplatten. Rechts lagen die Zimmer, alle mit Blick in den Schlosshof. Links vom Gang waren tiefe Nischen mit Fenstern, durch die sah man ins Tal und zum Wald. Am Ende des Ganges war das Zimmer der Oma Schneemann, rechts daneben unsere Küche.
In dieser befand sich auch das Bad. Es war ein Holzverschlag, darin gab es einen Betonsockel, auf dem eine gußeiserne Wanne mit Löwenfüßen stand. Dahinter war ein mannshoher Kupferkessel, den die Mutter jeden Samstag einheizte. Wenn das Wasser warm genug war, wurde die Wanne gefüllt. Zuerst kamen wir drei Kinder alle zusammen hinein. Wenn wir sauber waren stieg die Mutter ins Wasser und wenn sie fertig war, kam Oma Schneemann in die gleiche Brühe. Es schien niemanden zu stören, wir waren sowieso privilegiert, ein eigenes Bad zu haben.
Das Klo befand sich im Treppenhaus und wurde noch von zwei weiteren Familien benutzt. Es gab keine Heizung, dementsprechend eisig kalt war es dort im Winter und ich versuchte jedesmal, wenn ich meine kleine Schwester aufs Klo begleiten musste, den Vorgang zu beschleunigen. Ich sagte: „Wenn du noch lange brauchst, dann ziehe ich ab und du wirst mit weggespült“, oder ich drohte ihr mit der Klohexe.
Oma Schneemann benutzte natürlich auch die Küche und den Herd, der musste mit Holz geheizt werden, hatte ein sogenanntes Schiffchen, in dem immer heißes Wasser war. Auf dem Herd gab es keine Platten wie heute, sondern es waren Ringe, die man, je nach Größe des Topfes herausnehmen konnte, damit das Feuer direkt unter dem Topf heizte.
Im Sommer hatten wir den Esstisch im Flur stehen und jedes Mal, wenn wir beim Essen waren, kam Oma Schneemann vorbei auf dem Weg zum Klo. Sie wollte wohl nachschauen, was es bei uns zu Essen gab.
Zu dieser Zeit waren im Schloss bestimmt 20 Kinder und die Mütter dazu. Die Männer waren alle weg, entweder im Krieg gefallen oder vermisst oder in Gefangenschaft. Wir Kinder hatten ein herrliches Leben, wir waren immer draußen, bei jedem Wetter. Wir sammelten Holz, Pilze, Beeren im Wald, im Frühsommer Brennesseln, daraus machte Mutter Spinat. Wir lasen auf den Feldern die vergessenen Kartoffeln auf, wir brachten Fallobst nach Hause, alles wurde irgendwie verarbeitet. Wenn eine der Frauen ein Problem hatte, so halfen die anderen. Wenn eine mal zum Arzt musste oder nach Staffelstein, so war immer eine andere da, die auf die Kinder aufpasste, oder sie mit an den Tisch holte, damit sie versorgt wurden.
Es gab wenig, aber es wurde improvisiert und geteilt und geholfen, niemand war allein, wenn es mal schlecht ging und Sorgen hatten sie alle.

Als Kind ist mir das natürlich nicht so aufgefallen, es war einfach so, aber später als Erwachsene und als Mutter, da hätte ich mir manchmal eine solche Gemeinschaft gewünscht. Aber egal, wo ich wohnte, wo ich hinzog, ich bin immer Menschen begegnet, die ich auch heute noch als gute Nachbarn bezeichnen würde.